Kunst & Person – deutsch

ARTIST STATEMENT DEUTSCH

ZUR PERSON
Du bist, wer du warst und wer für dich war. Meine Wurzeln finde ich in der fernen Vergangenheit. Meine Eltern, geboren 1900 und 1905, konnten erst nach dem 2. Weltkrieg heiraten und waren schon ziemlich alt, als ich als erstes und einziges Kind geboren wurde.
Im Nachhinein verstehe ich die Schwierigkeiten, die mein Leben lange Zeit belasteten, aufgrund der Härten, die meine Eltern durchlitten haben und über die sie mit mir nicht zu sprechen vermochten. Ich verstehe nun ihre Lebenswege, und ihren so viel älteren geschichtlichen und sozialen Bezugsrahmen. Ich erinnere mich an ihre Kenntnisse und Begabungen, die wie ich im Laufe meines Lebens rekonstruiert habe, sich auf eine andere Zeit bezogen. Ihr Bezugsrahmen war in mancher Weise noch das 19. Jahrhundert, die preussische und die K.u.K. Monarchie, deren Ende, der 1. Weltkrieg, das Ende ihrer Familien beschleunigte. Dies verlieh ihnen eine andere, weltoffenere Sicht auf die Welt, die ich wert zu schätzen lernte, da sie so viel reicher war als die enge und ziemlich deprimierende Perspektive, die eine Biographie nach dem Zweiten Weltkrieg garantierte. Dazu gehörte auch die humanistische Bildung und das reiche soziale, familiäre und kulturelle Leben, auf das sie sich beziehen und dem sie vertrauen konnten.

Es war mein Vater, der mich das Zeichnen lehrte, meine Mutter, die ihre Erfahrung, ein „absolutes Auge und Ohr“ zu haben, mit mir teilte. Sie konnte sich die verschiedenen Farben und Schattierungen von Farb-Tönen (einschließlich der Musik) merken, sie erinnern und identifizieren.
Meine Eltern beschäftigten sich unentwegt mit der Vergangenheit, ihren ausgestorbenen Familien, sie hatten  die Nöte einer zerbrechenden Welt erfahren, die nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg nicht mehr existierte.
Meine Mutter war als Kind  an der Spanischen Influenza-Pandemie erkrankt, der sie nur knapp entging. Mehr als 80 Jahre später würde sie an der Grippe sterben.

Bis zu ihrem Lebensende litten meine Eltern an den Folgen der Kriege, der Zerstörung, der Verfolgung, der Bomben, der Gewalt, den Flammen, denen sie nur knapp entkamen. Ganz zu schweigen vom Verlust von Hab&  Gut, dem Leben in Armut,  den Erinnerungen an das unrettbar Zerstörte, Geschmolzene, Unauffindbare.
Ihre Alpträume, ihre Verluste, quälten auch mich. Leider war ich nie Teil der positiven, beglückenden,  heiteren Erinnerungen ihrer Vergangenheit; 

und nie Teil der Gegenwart meiner Eltern, was auch an den krankheitsbedingten frühen und zum Teil jahrelangen  Trennungen gelegen hat. Die Liebe meiner Eltern konnte dies nicht erschüttern, ich selbst jedoch brauchte viele Jahre, um mein eigenes Leben auf eine Bahn zu bringen.

Zeichnen war für mich schon immer ein zentrales Werkzeug der Selbstentfaltung. Im Kinderkrankenhaus in Königswinter, wo ich nach  TBC-Krankheit eingeschult wurde, in der  Realschule in Köln, wo ich mit 11 Jahren  mit dem Verlust meines Vaters nach seinem jahrelangen Gebrechen zu kämpfen hatte. Ich war seit je kein kontaktfreudiger Mensch; heute würde man mich “Nerd” nennen-, als Kind war meine Welt eher das Museum für Ostasiatische Kunst, in dem ich mich mit der Malerei und Kalligraphie Japans und Chinas beschäftigte.
Kunst war mein Schwerpunkt im Gymnasium in Frankfurt am Main. Dort lernte ich die Techniken der Radierung; Die Werke von Alfred Kubin, Antonio Tapiès, Max Ernst, Dada, später erweitert um die Wiener Schule. Als Studienrichtungen wählte ich Japanologie und Sinologie, nicht zuletzt, weil ich damit  ein Auslandsstudium ans andere Ende der Welt  als zwingend notwendig begründen konnte.

Nach meinen Studienabschlüssen (Magister Artium, Diplom-Psychologie und Dr. phil.), meinen Weiterbildungen in Psychoanalyse und psychologischer Psychotherapie, arbeitete ich in Kliniken und freiberuflich.
Mein Weg zurück zur Kunst begann im ZikZak:  Nach Journalismus, u.a. Medizinjournalismus, als Freie Autorin für öffentlich-rechtliche Rundfunk-und Fernsehanstalten, für Printmedien wie die Süddeutsche Zeitung (SZ), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), die ZEIT, die TAZ, schrieb ich Bücher, Essays, Features; arbeitete schließlich als Leiterin des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg.

Ich erlernte die Techniken der Alten Meister und arbeite heute meist in Öl auf verschiedenen Untergründen. An meinem neuen Wohnort zwischen Hamburg und Cuxhaven ziehe ich durch die Natur und finde angesichts der skurillen Baumgruppen, Moore,  Meeres – und – atemberaubenden –  Himmelslandschaften, immer wieder neue Anregungen; Experimentelles Fotografieren ermöglicht es mir mich mit Motiven aus der Natur und Tierwelt  auseinander zu setzen und sie unter neuen Perspektiven darzustellen. 

ZUR KUNST
Kunst folgt dem Naturgesetz der Menschheit; Träume neigen dazu, sich in Albträume zu verwandeln-  und doch  können sie die Saat für verborgene Gärten hinterlassen, deren Schönheit, wie das Paradies -, kein Vergessen kennt; Selbst nachdem der geheime Garten verdorrt, nachdem er verbrannt worden ist. Wo eben noch Frieden war, herrscht nun Gewalt, den Idealen folgt der Terror, was du als unverbrüchlich rechtens hielt, wird vom Alptraum Totalitarismus abgelöst, und schon lernst du die neuen sprachlichen Gepflogenheiten eines Welten-Staates fürchten, die eben noch unter der Rubrik  “Orwells Visionen” abgetan worden wäre und siehst dich um Freiheit und Leben bedroht.

Der Rat, eben noch gültig, die eigenen Werkzeuge, Erwartungen und Hoffnungen an die Möglichkeit von Veränderungen anzupassen, kann sich nun als Weg in die nächste Diktatur erweisen.
Ich erlebe es als Herausforderung und Chance, dass Strukturen, Oberflächen, willkürlich gesammelte Abdrücke, Gewebe und Körperstrukturen, egal wie zerrissen, abgerissen, zerstört sie zu sein scheinen – am Ende zu  Werken führen können, an denen man kaum erkennen kann, daß sie beschädigt, ja zerstört waren.
Die Suche nach Strukturen und Motiven, die all ds Zerstörerische, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind oder denen wir uns freiwillig ausliefern, ist  ein entscheidendes Motiv, um Schönheit und Sinnhaftigkeit zu bewahren oder wiederherzustellen, und den oft so übermächtigen und überwältigenden Präsenzen der negativen Art entgegen zu treten und sie zu verändern. Oder es zumindest zu versuchen.
Inspirationen, das Hinterfragen von Techniken, Farben, einschließlich jener  von Delft und Florenz, entfalten sich oft entlang von  Trümmerschneisen. Orte der Zerstörung und Aussichtslosigkeit. Dort, in den dunklen Tälern, den abgründigen Hängen, den Orten der verlorenen Schlachten, der Niederlagen.
Wenn du  dem  eigenen Scheitern lang genug in die Augen blickst, verstehst du, dass dies scheinbar Unüberbrückbare, auf ewig Getrennte – nur ein weiterer Aspekt  miteinander verwobener, voneinander abhängiger Energien ist.
Energien, die uns am Leben erhalten und uns die Kraft geben, trotz all unserer Rückschläge, trotz des Vergessens, das uns immer wieder – wie im Todeshauch -verstummen läßt -, daß wir trotz all dem, mit diesem Namen oder einem anderen-, den Ahnungen unserer Seele, unserem Stern folgen, und die Richtung einschlagen, die es uns am Ende doch wieder erlaubt, “unser Ding” weiter zu machen.

So als wäre es nie anders gewesen.
Ludwig Wittgenstein  gab zu, dass er später in seinem Leben viele der Ideen und Argumente seiner Philosophie, die er vor Jahren geschrieben hatte, selbst nicht mehr verstehen, nicht mehr nachvollziehen  konnte. Ein ziemlich kühnes Eingeständnis für einen Philosophen! Mir gefällt das. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.